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Warum gehen wir auf die Straßen?

by Dana Bondarenko
Warum gehen wir auf die Straßen?

Warum gehen wir auf die Straße?

Statements von Berliner Kunst- und Kulturschaffenden

Seit den jüngsten Protesten in Russland werden wir — PANDA platforma — ständig gefragt, was da geschieht und warum wir und viele andere vehement auf die Straße gehen und vor der Russischen Botschaft protestieren. 

Wir haben diese auch uns bewegenden Fragen einer ganzen Reihe von russischsprachigen Künstlern und Kulturschaffenden  gestellt.

Lest unsere Statements und teilt sie mit Freunden und Bekannten, tragt sie in die Öffentlichkeit.  Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen über die Schlagzeilen der Medien hinaus schauen können und die Hintergründe, die uns bewegen, verstehen.  

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Wladimir Kaminer, Schriftsteller

Die Bundesregierung wartet sehnsüchtig auf den russischen Impfstoff, während die Russen zu Tausenden inhaftiert werden. Überall in Russland gehen Männer, Frauen und Kinder auf die Straße, um gegen das korrupte Regime zu protestieren. Sie werden verprügelt und eingesperrt, die Knäste sind überfüllt. Der Oppositionelle Nawalny, der an dem Nervengift nicht gestorben ist, hat als international bekannter Politiker für seine 3 Jahre Haft eine Zelle bekommen, die anderen müssen in Polizeibussen ausharren. Deutschland ermahnt den Kreml wegen der Menschenrechtsverletzungen und bezahlt ihn gleichzeitig. Nichts Persönliches, es geht bloß ums Geschäft. Die Regierenden wollen ihr Land mit russischem Impfstoff und russischem Gas beglücken, und diese wertvollen Stoffe werden schließlich nicht aus den freiheitsliebenden Russen gemacht, und sie enthalten keine Spuren von Nervengift, das hat der russische Präsident persönlich zugesichert, sagen die deutschen Politiker. Dagegen erheben wir unsere Stimme. 

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Polina Aronson, Autorin / Soziologin

Ich gehe auf die Straße, weil ich keine andere Möglichkeit habe, um klar zu machen: Das, was die russische Regierung tut, geschieht nicht in meinem Namen. Als russische Staatsbürgerin kann ich mich damit nicht identifizieren. Und ich möchte der deutschen Regierung sagen: Es gibt keinen Raum mehr zum Verhandeln: Nord Stream 2 muss gestoppt werden.

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Sergey Lagodinsky, Autor und Mitglied des Europäischen Parlaments (Bündnis 90/Die Grünen)

Ich gehe auf die Straße, weil die junge Generation russischer und belarussischer Demokrat:innen unsere Solidarität braucht. Weil wir unseren europäischen Regierungen sagen wollen: Russland und Belarus brauchen eine klare pro-demokratische Haltung von uns in Europa. Wir müssen sie und ihre Rechte unbedingt und sichtbar unterstützen.

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Olga Romanowa, Leiterin der Gefangenenhilfsorganisation „Russland hinter Gittern“

Wir gehen auf die Straße, weil wir wollen, dass unsere Stimme gehört wird. Damit unsere Landsleute auch uns sehen, die wir im Ausland leben. Ja, wir sind hier in Sicherheit, im Unterschied zu den Bürgern, die gerade dort in Russland auf die Straße gehen. Doch auch wir können Vieles erreichen. Wir können Geld sammeln für die politischen Gefangenen. Wir können Informationen verbreiten, ohne Angst haben zu müssen, verhaftet zu werden. Wir können uns an die deutschen Politiker und an die deutsche Öffentlichkeit wenden. Wir können politisch Verfolgte unterstützen. Wir  können Briefe an politische Gefangene in Russland schreiben, damit sie wissen, dass sie nicht allein sind. Und wir wollen, dass die Repräsentanten der russischen Staatsmacht in Deutschland uns sehen und hören. Wir tun dies und werden es weiter tun, denn Russland ist unsere Heimat, und wir wollen, dass Russland ein rechtsstaatliches, demokratisches und freies Land für alle ist. 

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Alexander Delfinov, Dichter

Man sollte Putin verstehen — er kann ja nirgendwohin weglaufen. Schade für uns. Die Korruption in Russland ist institutionell, die Staatsgewalt total. Wenn du einen Polizisten siehst, bedeutet das Gefahr. Das war schon immer so, aber jetzt können es auch die Weggucker nicht mehr übersehen. Dagegen bin ich.

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Boris Filanovsky, Komponist

Liebe deutsche Kollegen, ich habe den Eindruck, ihr versteht nicht, was gerade in Russland geschieht. Es geht hier nicht um Korruption, nicht um „Probleme, die es auch in zivilisierten Ländern gibt.“ Nein, hier wird der Staat selbst von einer organisierten kriminellen Vereinigung verschluckt. Das ist es, was hier gerade geschieht, auch wenn es euch schwer fällt, das zu glauben.

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Nune Barsegjan, Schriftstellerin, Psychologin. 

In Russland übersteigt die Gesetzlosigkeit jedes Maß. Die Staatsmacht hält es nicht mehr für nötig, sich auch nur ein Feigenblatt anzulegen, um wenigstens den Anschein von Legalität zu wahren. Heute werden nicht nur Menschen verhaftet und ins Gefängnis geworfen, die auf die Straße gehen, um gegen solche schrankenlose Gesetzlosigkeit zu protestieren, sondern sogar nichtsahnende zufällige Passanten. Das Wenigste, was ich tun kann, ist, hier im sicheren Deutschland Petitionen zu unterschreiben und auf die Straße zu gehen, um zu protestieren.

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Galya Chikiss, Musikerin

Das, was gegenwärtig in Russland und Belarus geschieht, in Ländern, in denen ich aufgewachsen bin und zu denen ich mich mental zugehörig fühle, kann ich nicht anders nennen als Terror gegen das eigene Volk. Seit langem schon schockiert uns der Oppositionspolitiker Alexey Nawalny immer wieder mit seinen Recherchen über den unfassbaren Reichtum und maßlosen Luxus, in dem Putin und seine Gefolgschaft leben: die Paläste, goldenen Klobürsten und sonstigen Attribute des Luxus der kriminellen 90er Jahre vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Armut. Ich bin auf meinen Konzerttourneen viel in Russland herumgereist und habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Menschen in den Regionen leben. Die Rentner, die niederen Staatsangestellten. Sie kämpfen ums nackte Überleben. Die Menschen sind auf die Straße gegangen, um ihren Protest gegen eine verlogene und räuberische Staatsmacht auszudrücken, und als Antwort schlägt man sie, foltert sie, sperrt sie ins Gefängnis. Die Zahl der politischen Gefangenen wächst und wächst. Die Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Das darf nicht sein.

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Dinara Rasuleva, Dichterin, intersektionale Feministin

Ich gehe auf die Straße, weil ich will, dass die Menschen in Russland ohne Angst leben können. Weil ich auf die Gewalt der Machtorgane aufmerksam machen will, auf ungerechte Gerichtsurteile, auf die politischen Gefangenen, die Gefangenen ihres Gewissens, die zu Unrecht Eingesperrten. Julia Zwetkova, die verurteilt wurde, weil sie weibliche Körper und LGBT-Familien malte, die Schwestern Chatschaturjan, die verurteilt wurden, weil sie sich gegen häusliche Gewalt wehrten, und viele, die verurteilt wurden, weil sie ihre Bürgerrechte wahrnehmen wollten. Weil ich will, dass es keine Gesetze gibt, die bestimmte Gruppen von Menschen diskriminieren. 

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Nikolai Klimeniouk, Autor, Journalist

Ich fordere Freiheit für die politischen Gefangenen und Freiheit für die Krim. Ein Rechtsstaat muss auch das Völkerrecht achten, Russland kann erst frei und demokratisch werden, wenn es mit der Besatzung der Krim aufhört.

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Dmitrij Kapitelman, Schriftsteller

Unrecht reist gern. Aus russischen Straflagern — für einen kleinen Like auf Facebook kann man ganz schnell dort landen – nach Mecklenburg-Vorpommern, zum Beispiel. Per Unrechts-Pipeline 2. Ganz direkt in Ihr Zuhause, in Ihre Unterhose und auch in die Unterhosen der deutschen Politiker:innen, die hier Ihre Freiheit garantieren sollen.

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Elena Stein, Soziologin

Stillschweigen ist keine Option. Die Staatsbürgerschaft stellt nicht nur eine nominale Zugehörigkeit zum Staat dar. Sie beinhaltet vor allem das Recht auf politische Teilhabe. Überall in Russland gehen aktive Bürger auf die Straße und fordern ihr Recht auf Demokratie, faire Wahlen und faire Gerichtsprozesse ein, fordern Freiheit für die zahllosen politischen Gefangen. Sie besitzen einen unbändigen Willen und einen Mut – man nenne ihn heroisch oder naiv –, der stärker ist als die Brutalität des Regimes. Ganz gleich, ob dort in Russland oder hier in Berlin, der Ruf nach einem freien und demokratischen Land darf nicht verstummen!

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Mischa Gabowitsch, Historiker und Soziologe

Den meisten Protestierenden geht es nicht um die Person Nawalny und seine politischen Ansichten oder Ambitionen. Es geht um Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und faire und freie Wahlen. Es geht nicht zuletzt um den Schutz von Leib und Leben vor staatlicher Willkür und den Schutz der Umwelt vor zerstörerischer Ausbeutung durch staatseigene oder staatlich geförderte Unternehmen. 

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Alexey Kozlov, Menschenrechtler

Wir müssen für die auf die Straße gehen, die es selbst nicht mehr können, für die, die ungerecht ins Gefängnis geworfen wurden, vielleicht ruiniert, zu Krüppeln geschlagen, vergiftet und aus dem Land vertrieben wurden. Für die, die im Gefängnis sitzen, für die, die von den sogenannten Rechtsschutzorganen bedroht werden. Und wir müssen für uns auf die Straße gehen, damit wir uns später nicht schämen müssen, wenn wir auf die Frage antworten sollen: Was hast du gemacht, als Unschuldige ins Gefängnis geworfen und Passanten verprügelt wurden? Die Versammlungsfreiheit ist das erste und letzte politische Recht des Menschen. Und die korrupte Staatsmacht fürchtet es, solange dieses Recht lebendig ist und solange wir dafür auf die Straße gehen.

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Stefan Melle, DRA (Deutsch-Russischer-Austausch)

Sich an der Unterstützung für die politischen Gefangenen in Russland zu beteiligen, ist wichtig, weil es dabei um Rechte dieser Menschen, aber auch aller Bewohner:innen des Landes geht. Unrecht darf nicht straflos geschehen.

Ich habe in Russland, wie viele von uns, Freunde und Kollegen – wir arbeiten zusammen, und wir sind solidarisch mit ihnen. Das Vorgehen der Führung in Moskau und ihrer Sicherheitskräfte, darunter Folter, Morde, Verletzungen des Völkerrechts, schadet der eigenen Bevölkerung und vielen der Nachbarländer.

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Lina Khesina, Künstlerin

FREIHEIT für alle MUSS SEIN: Von A wie Alexey Nawalny bis Z wie Julia Zwetkova.

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Sergey Medvedev, Vorsitzender des Vereins Die Dekabristen e.V. 

Ich gehe auf die Straße, damit meine Freunde freikommen. Damit die Verhaftungen von Journalisten, die Folter und die Gewalt gegen politische Aktivisten und Aktivistinnen aufhören, damit die Menschen in Moskau und Petersburg, in Woronesch und Chabarowsk friedlich ihren Willen auf der Straße und im Internet äußern können. Man kann nicht schweigen und zu Boden schauen, wenn Alexei Nawalny vergiftet und zum wievielten Male entgegen Recht und Gesetz verhaftet wird; wenn die Mitarbeiter der FBK, Nawalnys Anti-Korruptions-Stiftung, mit Hilfe käuflicher Richter, Staatsanwälten und Musterungsbehörden drangsaliert und repressiert werden; wenn Journalisten festgenommen werden und Sergej Smirnow, der Chefredakteur von Mediazona, in Haft muss; wenn Marija Aljochina nach zwei Jahren Gefängnis weiterhin schikaniert und mit Geldbußen in sechsstelliger Höhe belegt wird; wenn das aktivistische Theater „Merak“ zerstört wird und man ein Strafverfahren gegen die Feministin Julia Zwetkova eröffnet; wenn die politische Repression in Putins Russland offenbar auf dem Gipfel der Brutalität und Sinnlosigkeit angekommen ist, und das System immer neue Grenzen durchbricht. Mancher möchte vielleicht einfach Facebook ab- und seine Lieblingsserie einschalten und hoffen, dass das alles bald vorbei ist. So wie 2012, als nach den gefälschten Präsidentschafts- und Dumawahlen eine Serie repressiver Gesetze verabschiedet wurde und man zahllose Demonstranten vor die Gerichte zerrte. Oder 2014, als Russland die Krim annektierte, einen Krieg im Donbass provozierte und eine Propagandaoffensive gegen die liberale Demokratie in Russland, Europa und den USA eröffnete. Dieses Gefühl ist 2020 wieder zurück, und wieder gehe ich auf die Straße. Für die Freiheit Nawalnys und aller politischen Gefangenen. Als Zeichen der Solidarität mit den repressierten und ermordeten Politikern und Journalisten. Ich gehe auf die Straße, weil mein Russland im Gefängnis sitzt. 

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Daria Belova, Filmregisseurin

In den vergangenen Wochen hat sich Russland vor unseren Augen endgültig in einen Polizeistaat verwandelt. Das ist nicht etwa ein Rückfall in die UdSSR, denn Putins Regime ist viel zynischer, es besitzt keinerlei Ideale außer dem Willen, um jeden Preis an der Macht zu bleiben und die totale Korruption der Regierenden, der Beamten und „Silowiki“ zu decken. Das Wichtigste ist jetzt, nicht zu schweigen. Das Wichtigste ist jetzt, dagegen zu protestieren. Die europäischen Regierungen aufzufordern, mit Putin überhaupt nur noch über dieses Thema zu reden und über nichts anderes, solange, bis etwas passiert. Die politischen Gefangenen in Russland zu unterstützen und ihre sofortige Freilassung zu verlangen. Durch den Kauf von russischem Gas werden nicht nur die Paläste der russischen höheren Staatsbeamten finanziert, sondern auch die Repressionen und auch die russischen Gefängnisse, die vollgestopft sind mit friedlichen Demonstranten und Gefangenen des Gewissens. 

Wir fordern nur die Rechte und Freiheiten, die und die russische Verfassung eigentlich ohnehin garantiert: Freie Wahlen (die es in Russland gegenwärtig nicht gibt), das Recht auf freie Meinungsäußerung und friedliche Demonstrationen (weder das eine noch das andere gibt es im heutigen Russland), die Gleichheit vor dem Gesetz sowie unabhängige Gerichte (auch das gibt es in Russland nicht mehr), ein Fernsehen ohne Zensur (gibt es nicht im heutigen Russland) und das Ende der Repressionen gegen die eigene Bevölkerung (die wiederum gibt es im heutigen Russland im Überfluss). Helft uns und fordert dies alles zusammen mit uns!

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Alexander Formozov, Koordinator in politischer Bildung, Berlin

Es geht um viel mehr als eine Person. Die Inhaftierung Nawalnys nach einem missglückten Attentat ist eine Ohrfeige für Hunderttausende, die in einem freien Russland leben wollen. Ein Geständnis. Ein weiteres grausames Exempel sollte statuiert werden. Über 340 politische Gefangene und 9000 Festnahmen in nur acht Tagen im Januar zeigen das Ausmaß der staatlichen Willkür, der Einschüchterung. Mit einer Fülle neuer repressiver Gesetze soll jedes freie Denken und Handeln, der internationale Austausch erstickt werden. Dass darf nicht ohne Konsequenzen bleiben! Dass in Deutschland fast jede:r Zweite Sanktionen gegen die Verantwortlichen ablehnt – macht mich perplex. Ich frage euch: Auf welcher Seite steht ihr und warum? 

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Sergej Newski, Komponist

Die Leute, vor allem die jungen Leute, gehen in Russland auf die Straße, nicht, weil sie bestimmte Politiker wie Nawalny unterstützen, und nicht ausschließlich, weil die Korruption sie stört. Es geht um die menschliche Würde und um die Gleichheit vor dem Gesetz, die im heutigen Russland total fehlt. Aber vor allem geht es ums Bild von Russland selbst. Die jungen Menschen finden die archaische Konstrukten der Staatspropaganda absurd und ermüdigend, sie finden den Zwang, sich den archaischen korporativen Strukturen des Staates unterwerfen zu müssen, lebens- und weltfremd. Sie brauchen den paranoiden und paternalistischen putinistischen Staat nicht mehr, weil sie sehen, wie offen und modern Russland sein kann. Allein die Existenz der jungen Generation macht die Macht- und Denkstrukturen des offiziellen Russlands völlig überflüssig. In diesem Sinne unterscheidet sich die Situation radikal von der vor 15 oder 20 Jahren, als die jungen Menschen Karriere in dem Putinstaat machen wollten. Unsere Aufgabe ist, diese jungen Menschen zu verstehen und zu unterstützen.

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Daniel Adasinskiy, 2. Vorsitzender PANDA platforma e.V.

Wir protestieren für die Freilassung aller politischen Gefangenen, auch von Alexej Nawalny. Wir protestieren gegen die Lügen des Putin-Regimes, die Nawalny und sein Team aufdecken. Wir demonstrieren, um Solidarität zu zeigen: mit unseren Verwandten, Freunden, Bekannten und allen, die in Russland bei friedlichen Demonstrationen brutal verfolgt, geschlagen und inhaftiert werden. Schließlich demonstrieren wir dafür, dass die EU ihr Verhältnis zu Russland radikal umdenkt, dass die Profiteure des Putin-Regimes persönlich mit Sanktionen belegt werden und für den Stopp des Nordstream 2 Projekts.

Warum protestieren wir gerade jetzt so zahlreich? In Berlin und in Prag, in Vilnius und in Riga, in Warschau, Paris, London, in vielen europäischen Städten gibt es immer mehr von uns: Seit 2014 wächst die Welle der Immigration aus Russland immer weiter an, vor allem der hochqualifizierten Spezialisten und Intellektuellen, die nicht in einem Land leben wollen oder nicht können, das von einem solchen autoritären und antidemokratischen Regime regiert wird. Früher haben wir gegen einzelne Probleme der russischen Machtverhältnisse protestiert: gegen Wahlfälschung, gegen die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit, gegen die Legitimierung von Hass und Menschenverachtung gegen einzelne Gruppen (LGBTQ) und viele, viele andere.  2020 kam das Fass zum Überlaufen. Nicht zuletzt durch die Arbeit von einigen wenigen freien investigativen Journalisten und von Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK, konnte man immer deutlicher sehen, wie fast das gesamte Wirtschaftssystem Russlands zur persönlichen Bereicherung des Putin-Clans umgebaut wird. Die misslungene Vergiftung Nawalnys durch den Geheimdienst FSB und die sich immer schneller drehende Gewaltspirale der russischen Polizeikräfte ganz nach dem Muster von Belarus, tragen zu einer immer größeren Solidarisierung bei. 

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Svetlana Müller, 1. Vorsitzende PANDA platforma e. V.

Ich gehe in Berlin auf die Straße, weil ich etwas gegen meine Angst tun will. Dabei befinden wir uns hier in Berlin in einer vorzüglichen Situation – niemand wird verhaftet, weil er öffentlich seine Meinung sagt, niemandem droht Gewalt oder der Verlust des Arbeitsplatzes, geschweige denn Folter. Ich denke an die Menschen, die in Russland friedlich protestieren und dafür ihre Gesundheit, Karriere, Freiheit, gar ihr Leben riskieren – und weiß, dass ich keine schweigende Beobachterin bleiben darf.

Ich gehe in Berlin auf die Straße, um meine Solidarität mit den Protestierenden in Russland zu verkünden. Solange wir uns weltweit für sie einsetzen, haben sie eine Chance.

Ich gehe in Berlin auf die Straße, um die Gesellschaft in Deutschland auf das rechtlose Geschehen in Russland aufmerksam zu machen und zum sofortigen Handeln aufzufordern.

Und schließlich gehe ich auf die Straße, damit mir meine Kinder keine unangenehmen Fragen stellen müssen, auf die ich keine ehrliche Antwort hätte. Meine Kinder wissen, was ich tue und warum ich es tue: Ich nehme sie einfach mit.

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Die russischen Texte ins Deutsche übersetzt von Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann

Bild: Lina Khesina